Mediation bei großen Personenschäden – eine neuentdeckte Chance?

Wer nach einem Unfall oder einem Behandlungsfehler schwer verletzt wurde, muss sich mit einer vollständig veränderten Lebenssituation auseinandersetzen. Nichts ist mehr so, wie es war, die früher gekannte Normalität gibt es nicht mehr. Zu der Auseinandersetzung mit der neuen Situation kommt meist noch der Streit mit der gegnerischen Versicherung um Schadensersatz und Schmerzensgeld – Verhandlungen, die sich oft jahrelang, manchmal sogar jahrzehntelange hinziehen. Für den Geschädigten geht es um ein zukünftiges Leben ohne finanzielle Nöte, für die Versicherer geht es um sehr, sehr viel Geld.

Gerade Menschen, die durch einen Unfall oder durch einen ärztlichen Behandlungsfehler nicht nur körperliche, sondern auch weitreichende psychische Beeinträchtigungen erlitten haben, werden von der gegnerischen Versicherung oft nicht ernst genommen oder gleich ganz abgewiesen. Und je länger die Auseinandersetzung andauert, umso schwieriger wird es nachzuweisen, dass die psychischen Probleme unfallbedingt sind und keine andere Ursache haben.

Mediation als Alternative zu langen (Gerichts-)Verfahren

In zwei Fällen habe ich inzwischen eine wirklich hervorragende alternative Lösung zur Umgehung langer Verhandlungen gefunden: die Mediation.

Die Mediation ist ein freiwilliges außergerichtliches Konfliktlösungsverfahren, in dem die beteiligten Parteien mit Hilfe eines neutralen Dritten selbstbestimmt eine zukunftsorientierte Lösung entwickeln, bei der es keine Verlierer gibt. Die Mediation verläuft immer nach einem bestimmten Grundschema, an das sich alle Beteiligten halten. Zudem verpflichten sie sich zur absoluten Verschwiegenheit.
Detailinformationen zur Mediation finden Sie hier: Meditation – was ist das?

Erfolgreiche Mediationsverfahren – zwei Beispiele aus der Praxis

Eine meiner Mandantinnen erlitt durch einen etwa 12 Jahre zurückliegenden Verkehrsunfall nicht nur körperliche, sondern auch schwere psychische Schäden. Bevor sie uns das Mandat übertrug, kämpfte sie bereits mehr als elf Jahre mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung um ihren Schadensersatz. Die Fronten waren vollkommen verhärtet.

Nachdem wir Fall übernommen haben, machte der Versicherer den Vorschlag, ein Mediationsverfahren durchzuführen. Wir stimmten zu, nicht zuletzt auch deshalb, um der gesundheitlich angeschlagenen  Mandantin einen langjährigen Prozess möglichst zu ersparen. Ein Gerichtsverfahren sollte sowieso immer nur das allerletzte Mittel bleiben.

Die Mediation wurde von einem Reha-Dienst, der Firma ReIntra, organisiert. ReIntra ist als Reha-Dienst zwar grundsätzlich zur Neutralität verpflichtet und diese Firma war mir aus meiner täglichen Arbeit sehr gut bekannt. Dennoch waren meine Mandantin und ich eher skeptisch, vor allem auch im Hinblick auf die Auswahl der Mediatoren.

Diese Bedenken erwiesen sich jedoch als völlig unberechtigt, denn bei den eingesetzten Mediatoren handelte es sich um einen am Oberlandesgericht aktiven Richter und einen Rechtsanwalt, beide selbst auf dem Gebiet der Personenschadensregulierung tätig.

Die Mediation wurde einen ganzen Tag lang an einem neutralen Ort (in diesem Fall einem Hotel) in unterschiedlichen Räumen durchgeführt.  Teilnehmer waren die bereits genannten Mediatoren, meine Mandantin (sie hatte sich noch eine Person zur Unterstützung dazugeholt), ich als ihr Anwalt und die Sachbearbeiterin der gegnerischen Versicherung sowie deren direkte Vorgesetzte.

Eine Mediation bietet einen besonderen Rahmen

Zum ersten Mal nach zwölf Jahren standen sich meine Mandantin und die gegnerischen Sachbearbeiterinnen persönlich gegenüber. Aufgrund der speziellen Vorgehensweise innerhalb eines Mediationsverfahrens hatte meine Mandantin die Möglichkeit, ihre Situation mit ihren Worten und aus ihrer Sicht darzustellen. Endlich einmal konnte sie über ihre Erfahrungen mit dem bisherigen Regulierungsverhalten der Versicherung sprechen und schildern, was der jahrelange Kampf bei ihr innerlich ausgelöst hat. Auch die Sachbearbeiterinnen Haftpflichtversicherung hatten Gelegenheit, meiner Mandantin zu erklären, warum es – sowohl juristisch als auch menschlich – so große Schwierigkeiten gab, den Fall schon früher zu beenden. Eine einmalige Situation, die ein Gerichtsverfahren so nicht bieten kann.

In diesem konkreten Fall entschuldigten sich die Sachbearbeiterinnen sogar bei meiner Mandantin – eine für sie unbezahlbare Genugtuung!

Nur Gewinner, keine Verlierer

Natürlich ging es in dem Verfahren auch und vor allem um die Schadensregulierung, die Zahlung von Schmerzensgeld und Schadensersatz. Aufgrund der besonderen und nicht an die üblichen juristischen Spielregeln gebundenen Verfahrensweise konnte relativ schnell eine für alle Beteiligten hervorragende Lösung gefunden werden. Damit wurde ein zwölf Jahre alter Rechtsstreit nicht nur beendet, sondern auch befriedet. Alle Parteien wahrten ihr Gesicht und es gab nur Gewinner, keine Verlierer.

In einem zweiten Fall ging es im Wesentlichen um die Frage, welche beruflichen Zukunftsaussichten der geschädigte Mandant gehabt hätte, wäre es nicht zum Unfall gekommen, denn danach ist der Verdienstausfallschaden zu bemessen. Auch in diesem Fall wurde schon fast zwölf Jahre erfolglos verhandelt. Da absehbar war, dass wir uns nicht einigen können und das Ganze wohl in einer langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzung enden würde, schlug ich dem gegnerischen Sachbearbeiter vor, es mit einer Mediation zu versuchen.

Der war von meiner Idee begeistert, zumal in seinem Hause schon mehrfach Mediationen durchgeführt wurden. Auch hier konnten wir einen fast zwölf Jahre alten Fall zur Zufriedenheit aller Beteiligten beenden und befrieden.

Mediation und Menschlichkeit

Mittlerweile bin ich ein Fan dieser Art der Verhandlung geworden, nicht zuletzt deswegen, weil in der Mediation immer auch der menschliche Aspekt berücksichtigt wird. Das ist weder in einer außergerichtlichen noch in einer gerichtlichen Verhandlung jemals sonst der Fall.

Natürlich kommt eine Mediation nicht immer in Frage und auch nicht immer ist eine Mediation erfolgreich, doch die Erfolgsaussichten liegen bei immerhin über 70 %.

Ich von meiner Seite aus werde alles dafür tun, um diesem Projekt und dieser Art der Vorgehensweise weiter zum Erfolg zu verhelfen.

Thomas Gfrörer, Rechtsanwalt und Partner

0 Kommentare

Ihr Kommentar

Möchten Sie uns Ihre Meinung zu diesem Thema sagen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.