Martin Quirmbach, Rechtsanwalt und Seniorpartner

Ein krankes System verteufelt seine Ärzte

Verfolgt man die Berichterstattung zur Situation in unseren Krankenhäusern, könnte man annehmen, die Ärzteschaft bestehe überwiegend aus geldgierigen, unfähigen, unempathischen Zeitgenossen, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Dieses Zerrbild entsteht, weil nur Einzelfälle herausgestellt werden, und die Ärzte als die einzig Schuldigen angesehen werden. Die Gesamtsituation gerät dabei völlig aus dem Blick. Ich warte auf den auf den Tag, an dem die Ärzte ihre Arbeit niederlegen, aus Protest gegen die Ihnen zugewiesene Rolle als Buhmann.

Schuld an der Misere – den vielen Behandlungsfehlern, den zu häufigen Operationen, dem Dulden von Pfuschärzten – ist eine „hausgemachte“ Krankheit: Solange Ärzte und Kliniken unter hohem wirtschaftlichem Druck stehen und finanzieller Erfolg über die medizinische Qualität gestellt wird, solange ändert sich an der Situation nichts. Obwohl ich als Anwalt seit Jahrzehnten die Patientenseite vertrete, tut mir die Ärzteschaft leid. Sie muss den Kopf hinhalten für eine völlig verfehlte Politik, die das seit Jahren bestehende Problem nicht in den Griff bekommt. Wenn, wie im Report Mainz vom 15.1.2012, über Ärztemangel, Geldgier und ungenügende Überwachung berichtet wird, die Ursache – nämlich das marode Gesundheitssystem – aber völlig außen vor bleibt, hat die Sendung ihren Zweck verfehlt. Es kann nicht darum gehen, einzelnen Pfuschern das Handwerk zu legen. Die wird es immer wieder geben und ein TÜV für Ärzte wäre wohl das letzte, was man sich als Patient wünschen kann.

Wie ist das Problem zu lösen?
Meine Antwort: Geld rein, statt Geld raus. Wenn es genügend ärztliches Personal und Pflegepersonal gibt, das außerdem leistungsgerecht bezahlt wird, so dass auch die Krankenschwester und die Assistenzärzte von ihrem Gehalt leben und eine Familie ernähren können, wenn Kranke wieder behandelt, statt verwaltet, verwahrt und ausgeschlachtet werden, geht die Zahl der Behandlungsfehler zurück.
Der wirtschaftliche Schaden verringert sich immens, denn es geht nicht nur um die Entschädigung der Opfer, die nur die Spitze des Eisbergs ist. Es geht um den riesigen wirtschaftlichen Schaden, den das marode System bei Sozialversicherungsträgern und der Wirtschaft selbst verursacht.

Wenn also das Gesundheitssystem sich auf diese Weise selbst heilt, entfällt der wirtschaftliche Druck. Die Kliniken haben wieder die Wahl zwischen qualifizierten und engagierten Ärzten. Und die Patienten? Die Patienten sind in weitaus geringerem Maße den Risiken einer Fehlbehandlung oder einer unnötigen Operation ausgesetzt und leben insgesamt gesünder und damit glücklicher. Und die eingesparten Kosten könnten zurückfließen in das Gesundheitssystem.

Martin Quirmbach, Rechtanwalt und Seniorpartner

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