Diagnose Medizinrecht

Im Volksmund hört man ja oft: Eine Krankheit, viele Diagnosen. Daher möchte ich Ihnen heute von meiner ganz persönlichen Geschichte und den dazugehörigen Diagnosen erzählen.
Mein Name ist Alexandra Michel. Ich habe in Saarbrücken Jura studiert und absolviere nun mein Referendariat am Landgericht Koblenz. Im Rahmen dessen arbeite ich seit etwas mehr als einem halben Jahr im Anwaltsbüro Quirmbach & Partner, wo ich endlich – nach über sieben Jahren – die für mich richtige Diagnose gefunden habe.

Mein Start ins Jurastudium

Meine Geschichte beginnt vor nunmehr fast acht Jahren, als ich mich mehr oder weniger spontan entschloss, nicht Mathematik, sondern Jura zu studieren. Ich wurde an der Universität des Saarlandes angenommen und begann mein Studium. Nach etwa einem Jahr traten die ersten Symptome auf. Ich stellte mir immer häufiger die Frage, ob das Jurastudium wirklich das Richtige für mich war. Alles, was ich lernte, konnte mich nicht begeistern. Zivilrecht – komisch, Öffentliches Recht – merkwürdig und Strafrecht – oh Gott, Katastrophe. Meine Freunde stimmten mir zu und diagnostizierten: „falsche Studienfachwahl“.

Jura-Referendar zweifeltNichtsdestotrotz studierte ich tapfer weiter, immer in der Hoffnung, diese unguten Gefühle würden mit der Zeit verschwinden. Aber nichts geschah. Auch in den Jahren darauf beschlich mich immer mehr das Gefühl, in diesen Studiengang nicht hineinzugehören. Meine Kommilitonen begannen sich zu verändern; sie redeten hochgestochener, kamen im Anzug zu den Vorlesungen und plötzlich trugen alle Juristinnen nur noch Perlenohrringe und Perlenketten.

Und ich? Ich war immer noch ich. Ein Mädchen vom Land, das sich treu geblieben ist und das gerne mal in das bei mir zuhause gesprochene Platt verfällt, vor allem wenn ich mich aufrege. Diese neuen Entwicklungen ließen mich glauben, dass vielleicht das Jurastudium nicht zu mir, sondern dass ich nicht zu dem Jurastudium passte. Meine damalige Mitbewohnerin diagnostizierte: „falsche Persönlichkeit für das Jurastudium“. Stimmt das? Das konnte und wollte ich so nicht hinnehmen.

Examen bestanden – Referendariat begonnen

Also habe ich weiter studiert, habe mein Examen bestanden und begann mit dem Referendariat am Landgericht Koblenz. Spätestens dort musste es doch Juristen geben, die mir ähnlich waren. Schließlich besteht dessen Landgerichtsbezirk hauptsächlich aus kleinen Dörfern. Am Anfang verfiel ich wieder in meine typische Symptomatik: Der Stoff war nicht mein Ding, meine Kollegen und Kolleginnen waren … naja, man sah Perlenohrringe soweit das Auge reicht.

Als dann die Referendarfahrt nach Riga ging, lernte ich meine Referendarkollegen plötzlich von einer ganz anderen Seite kennen. Bei ein paar Bier wurde mir offenbart, dass der eine oder andere ebenfalls ein Dorfkind war und manchmal sogar Platt sprach. Allerdings wurde alles darangesetzt, dies so gut wie möglich zu verstecken. So keimte in mir die Hoffnung, vielleicht doch noch von meinem ständigen Gefühl der Nichtzugehörigkeit geheilt zu werden. Doch sobald wir wieder rheinland-pfälzischen Boden unter den Füßen hatten, war meine Hoffnung dahin.

Gesucht: mein Platz in der Juristenwelt

Ich merkte, dass meine Kollegen und Kolleginnen allmählich ihre zukünftigen Wege zu finden schienen. Manche wollten nach der Zivilrechtsstation Richter werden, anderen gefiel die Staatsanwaltschaft so gut, dass sie am liebsten gleich dort angefangen hätten und auch der Verwaltungsjurist wurde für manche mehr und mehr interessant. Und ich? Ich wusste immer noch nicht, ob ich wirklich eine Juristin bin und ob ich überhaupt jemals meinen Platz in der Juristenwelt finden würde. Meine Familie diagnostizierte: „depressive Grundstimmung“.
Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, kam die Rechtsanwaltsstation. Nachdem ich mich informiert hatte, welche Kanzleien es in der Umgebung gab und wo deren Fachgebiete lagen, bewarb ich mich bei Quirmbach & Partner und wurde genommen. Ich war überglücklich!

Als ich meine erste Akte zur Bearbeitung bekam, stellte ich mit Erschrecken fest, dass ich nach jahrelangem Jurastudium offensichtlich das falsche Fach studiert hatte; um diese Akte zu verstehen. Es handelte sich um eine mehrere tausend Seiten umfassende Akte, bestehend aus Arztbriefen, OP-Berichten, Untersuchungsbefunden und fachärztlichen Gutachten. Bis dato bestand meine einzige Verbindung zu Ärzten und möglichen Behandlungsfehlern in Fernsehserien wie „Grey´s Anatomy“ oder „Dr. House“. Und plötzlich war ich mittendrin. Mir flogen Worte wie Paraplegie, Appendizitis und Myokarditis nur so um die Ohren und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Also nahm ich mir ein Medizinrechtswörterbuch und biss mich durch. Ich brauchte ewig, aber am Ende hatte ich eine Ahnung, worum es in der Akte ging. Nachdem dieser Meilenstein geschafft war, war der rechtliche Teil auch nicht mehr schwer.

Gefunden: mein Fachgebiet Medizinrecht

Bei der zweiten Akte klappte das schon besser und bei der dritten Akte machte es mir auf einmal total Spaß. Die Kollegen und Kolleginnen in der Kanzlei sind sehr nett und auf dem Boden geblieben. Manchmal fällt sogar das eine oder andere Wort auf Platt. Es ist wunderbar. Endlich habe ich eine juristische Thematik gefunden, die mir tatsächlich viel Freude bereitet. Mit Vergnügen knie ich mich in dicke Akten und suche nach der einen noch fehlenden Information oder den richtigen Argumenten, die den Gegner in die Knie zwingen. Zwar kämpft man oft gegen eine Übermacht, da die beklagten Ärzte meist mit dem Krankenhaus, mindestens einer Versicherung und mehreren Anwälten zu den Terminen kommen, jedoch spornt mich das nur noch mehr an. Man recherchiert, subsumiert und argumentiert, was das Zeug hält, um für den geschädigten Mandanten das Bestmögliche herauszuholen. Ich habe das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, dazuzugehören und geschätzt zu werden. Es ist einfach großartig. Das, wonach ich immer gesucht habe. Diese komplizierte, manchmal merkwürdige, traumhaft schöne Thematik heißt Medizinrecht, genauer Arzthaftungsrecht.

Nun ist alles klar. Das ewige Gefühl, mit Jura nichts anfangen zu können, nicht dazuzugehören – es ist wie weggeblasen. Ich habe mein juristisches Fachgebiet gefunden und werde es beibehalten. Tatsächlich liebäugle ich sogar jetzt schon damit, einmal den Fachanwalt in Medizinrecht und vielleicht sogar auch noch in Versicherungsrecht zu machen.
Enddiagnose: Medizinrecht 😉

Alexandra Michel