Rechtsanwältin Laura Quirmbach, Fachanwältin für Medizinrecht

Der Sowieso-Bedarf

Unsere Kanzlei vertritt viele, durch einen Behandlungsfehler bzw. Unfall schwerstgeschädigte Kinder, um deren Schadensersatzansprüche zu prüfen und ggfs. durchzusetzen.
Dabei erleben wir immer wieder, welche riesige Herausforderung das Leben und der Alltag für die Eltern ist. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ein behindertes Kind einer intensiven Pflege und Betreuung bedarf, die weit über die eines gesunden Kindes hinausgeht. Diese Pflege stellt den erstattungsfähigen Pflegemehrbedarf dar und muss bei der Schadensberechnung dem Pflege- und Betreuungsbedarf von gesunden Kindern, dem Sowieso-Bedarf, gegenübergestellt werden, für den der Schädiger nicht einzustehen hat.

Der Sowieso-Bedarf eines gesunden Kindes ergibt sich aus den Begutachtungsrichtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse (MDK), denen die sogenannte Entwicklungstabelle zugrunde liegt. In dieser Tabelle ist der Pflegeaufwand für Körperpflege, Ernährung und Mobilität eines gesunden Kindes in Minuten pro Tag, eingeteilt nach Lebensalter, erfasst. Darüber hinaus ist noch der altersentsprechende Betreuungsaufwand für ein gesundes Kind zu berücksichtigen. Hierzu zählen Tätigkeiten wie Hausaufgabenbetreuung, Gespräche und Begleitung der Kinder, Wahrnehmen von Terminen im Zusammenhang mit den Kindern, das Vorlesen, die Wegezeiten der Kinderbetreuung und auch das Spielen.

Der Sowieso-Bedarf ist seinem Umfang nach altersabhängig, weil ein Kind mit fortschreitender Entwicklung immer weniger elterliche Betreuung benötigt.
Ab dem 12. Lebensjahr entfällt der Sowieso-Bedarf, so dass ab diesem Zeitpunkt der komplette Pflegemehrbedarf als Schadensersatz anzusehen ist.

Bei der Berechnung des Pflegemehraufwandes muss also der gesamte Pflege- und Betreuungsbedarf des geschädigten Kindes ermittelt werden. Davon muss der Sowieso-Bedarf abgezogen werden.

Rechtsanwältin Laura Quirmbach, LL.M. – Master of Laws (Medizinrecht), Fachanwältin für Medizinrecht

2 Kommentare
  1. RAin Laura Quirmbach
    RAin Laura Quirmbach says:

    Es ist richtig, dass viele Eltern aufgrund der Pflege ihres behinderten Kindes ihren Job entweder ganz oder teilweise aufgeben müssen.
    Dieser Verdienstausfall der Eltern ist keine eigene Schadensposition, sondern stellt den Pflegemehrbedarf des Kindes dar. Der Pflegemehrbedarf ist zwar ein Schadensersatzanspruch des Kindes, steht faktisch jedoch den Eltern zu.

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  2. Konstanze Quirmbach
    Konstanze Quirmbach says:

    Pflegemehrbedarf ist demnach alleine durch Zeitfaktoren zu ermitteln?
    Mich führt das gleich zu einer weiteren Frage: Wenn ich mehr Zeit für das Kind aufwende, dann geht mir diese Zeit natürlich woanders verloren, z.B. für meine Berufstätigkeit. Gibt es dann auch einen Anspruch auf Ersatz der entgangenen Bezahlung, weil ich nur noch einen Halbtagsjob machen kann?

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