Sandra Deller, Rechtsanwältin

Wenn ein Hund zubeißt – selbst dran schuld?

Zur Frage des Mitverschuldens bei einem Hundebiss

Normalerweise muss die Versicherung eines Hundehalters vollen Schadensersatz zahlen, wenn das Tier jemanden verletzt. Dies ist jedoch nicht so, wenn dem Betroffenen ein Mitverschulden nachgewiesen wird.

Der Hund gilt im Allgemeinen als der beste Freund des Menschen. Doch er ist auch ein Lebewesen, das in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich und nicht immer vorhersehbar reagiert. In Stress-Situationen kann es passieren, dass ein Hund auch ihm bekannte Menschen angreift. Die 17jährige Lisa B. hat diese Erfahrung machen müssen.

An einem Tag im Mai verabredete sie sich nach dem sogenannten Kirmesausrufen mit ihren Freunden und Bekannten in einer Kneipe. Dort traf sie ein befreundetes Pärchen, das seinen Hund dabei hatte. Lisa und der Hund kannten sich. Sie beugte sich zu ihm und wollte ihn zur Begrüßung streicheln. Der Hund war von dem Trubel jedoch so gestresst, dass er sofort zuschnappte und Lisa ins Gesicht biss. Das Mädchen wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, wo ihre Ober- und Unterlippe mit 17 Stichen genäht werden musste. Zurückbleiben wird eine mehrere Zentimeter lange, gut sichtbare Narbe über der Ober- und Unterlippe.

Die Haftpflichtversicherung der Hundehalterin war grundsätzlich bereit, den Schaden zu regulieren, Schmerzensgeld und Schadensersatz zu zahlen. Allerdings rechnete sie Lisa B. bei der Berechnung des Schmerzensgeldes ein Mitverschulden an, denn sie habe sich bewusst in den Gefahrenbereich des Hundes begeben, obwohl sie den Hund kannte. Durch die besondere Situation – der Lärm der Kneipe und die vielen Menschen – war die Reaktion des Hundes nicht mehr berechenbar und das hätte Lisa B. wissen müssen.

Dieser Auslegung der Versicherung können wir nicht folgen und schließen uns vielmehr der Rechtsprechung des OLG Naumburg an, das 2010 über einen Fall entschied, in dem ein Hundehalter seinen Hund auf einer Gartenparty frei herumlaufen ließ, und der einen der anwesenden Gäste biss. Das OLG stellte fest, der Tierhalter hätte damit rechnen müssen, dass auch ein im Umgang mit Hunden nicht erfahrener Gast das Tier als ungefährlich ansehe. Der Tierhalter hätte wissen müssen, dass der Hund bei einer Annäherung unter Umständen zubeiße. Nur wenn der Geschädigte sich ganz bewusst einer besonderen Gefahr aussetze, liege ein Mitverschulden vor. Kennt er jedoch den Hund und hat er ihn immer als zutraulich erlebt, kann von einer besonderen Gefahrenlage jedoch nicht die Rede sein. Grundsätzlich ist es die Aufgabe des Hundehalters, auf sein Tier aufzupassen, gerade und besonders in Gesellschaft mit anderen Menschen.

Beim Thema Mitverschulden unterscheidet die Rechtsprechung klar nach der erkennbaren Gefahr, die von der Situation ausgeht. So hat das OLG Bremen vor Jahren entschieden, dass ein Hundehalter, der bei dem Versuch, zwei ineinander verbissene Hunde zu trennen und dabei durch Bisse schwer verletzt wurde, keine Entschädigung erhält. Begründet wurde das Urteil damit, dass jemand, der sich in solch eine Situation begibt, die große Gefahr – unter Umständen sogar Lebensgefahr – in die er sich begibt, kennen muss.
Ein Urteil, das wir durchaus nachvollziehen können.

Sandra Deller, Rechtsanwältin

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