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Geburtsschäden: Kind gesund – und die Mutter? Behandlungsfehler bei (werdenden) Müttern

Von einem Geburtsschaden spricht man in der Regel dann, wenn ein Kind durch einen Fehler des Frauenarztes während der Schwangerschaftsvorsorge, durch Fehler von Hebammen oder Ärzten bei der Geburt und der Neugeborenenversorgung gesundheitlich geschädigt zur Welt kommt.
Das greift jedoch zu kurz, denn ein Geburtsschaden liegt auch dann vor, wenn die (werdende) Mutter (mit-)geschädigt wird oder, wenn das Kind zwar gesund zur Welt kommt, die Mutter jedoch wegen Behandlungsfehlern im Rahmen der Schwangerschaftsbetreuung bzw. der Geburt zum Teil schwere Gesundheitsschäden erleidet. Eine mögliche Ursache kann eine fehlerhafte Diagnostik und Therapie von Schwangerschaftserkrankungen sein.
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Geburtsschäden könnten häufiger vermieden werden

Das Deutsche Ärzteblatt hat in der vergangenen Woche neue Zahlen veröffentlicht, die Einblick in die Entwicklung des Aufkommens von Geburtshilfeschäden geben. Dieses Mal sind die Hebammen in den Fokus gerückt: „Die Schadensfälle bei klinischen und außerklinischen Geburten durch freiberufliche Hebammen schwankten zwischen 2004 und 2014 zwischen sechs und 31 Fällen pro Jahr. Im Mittel wurden rund 20 Geburtsschäden pro Jahr an die Berufshaftpflicht freiberuflicher Hebammen gemeldet.“ Weiterlesen

Geburtsschäden – schicksalhaft oder vermeidbar?

Die Quote der bei den Medizinischen Diensten der Krankenkassen und den Ärztekammern nachgewiesener Fehlbehandlungen liegt im Schnitt schon seit vielen Jahren recht konstant zwischen 20 und 35%. Nach Daten eines der größten deutschen Versicherungsunternehmen im Krankenhausbereich hat sich die Zahl der jährlich gemeldeten Fälle in der Zeit zwischen 1982 bis 2006 vervielfacht. Ein Eindruck der von Haftpflichtversicherern bundesweit bestätigt wird.

Rückläufiger Trend bei Geburtsschäden

Ein vermeintlich gegenläufiger Trend zeigt sich im Bereich der Geburtsschäden. Gründe für diese Entwicklung waren die noch bis vor kurzem zurückgehenden Geburtenzahlen und ein medizinischer Trend zur frühzeitigen Kaiserschnittentbindung (ca. 25 bis 35% Kaiserschnittquote in deutschen Kliniken).

Auch wenn der Trend der Anspruchsstellung im Bereich der Geburtsschäden tendenziell rückläufig ist, werden dort im Vergleich zu anderen Fachgebieten überproportional höhere Regulierungssummen gezahlt. Dies betrifft im Übrigen auch andere Fachgebiete, wenn es um schwere Hirnschädigungen jüngerer Menschen und insbesondere auch von Kindern geht.

Ärzte kommen ihrer Informationspflicht nicht immer nach

Folgende kindlichen Schädigungsmuster sind mit der Geburtshilfe und Behandlungsfehlern assoziiert:

  • kindliche Cerebralparese
  • vermeidbar fehlerhafte Frühgeburten (periventrikuläre Leukomalazien)
  • Hirnschädigungen Frühgeborener aufgrund vermeidbar verzögerter Kaiserschnittentbindung (z.B. bei IUGR)
  • vermeidbar infektionsgeschädigte Kinder
  • infolge fehlerhafter ärztlicher Beratung/Diagnostik ausgetragene Kinder: Bei korrekter pränataler Beratung und unter Einhaltung medizinjuristischer Kautelen wäre es zu rechtmäßigen Schwangerschaftsabbrüchen gekommen
  • Armplexusparesen oder Hirnschädigungen infolge der Verkennung und fehlerhaften Behandlung einer speziellen geburtshilflichen Komplikation (Schulterdystokie).

Eltern von unter der Geburt geschädigten Kindern wird häufig signalisiert, dass eine nach der Geburt aufgetretene Behinderung schicksalhaft oder die Folge unvermeidbarer Komplikationen war. Manche Eltern begnügen sich aus unterschiedlichsten, auch anerkennenswerten Gründen mit solchen Informationen und lassen die Sache auf sich beruhen. Nach dem 2013 in Kraft getretenen Patientenrechtegesetz ist die Behandlungsseite allerdings verpflichtet, entweder auf Nachfrage oder, wenn dies zur Abwendung gesundheitlicher Schäden erforderlich ist, die Eltern über das Vorliegen von Anhaltspunkten für Behandlungsfehler zu informieren.  Jedoch kommen Ärzte dieser Verpflichtung nicht immer nach.

Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler ist frühzeitiges Handeln wichtig

Wir raten betroffenen Eltern zu prüfen, ob es nicht im Rahmen der Geburt zu einer Fehlbehandlung kam. Dabei ist der zu prüfende Zeitraum weit zu fassen, nämlich vom Beginn der Schwangerschaftsbetreuung über die konkrete geburtshilfliche Begleitung durch Hebammen und Ärzte kurz vor und unter der Geburt bis zur Versorgung des Kindes nach der Geburt.

In Zweifelsfragen sollte eine zweite ärztliche Meinung eingeholt werden. Parallel dazu sollte damit begonnen werden, Beweise zu sichern. Entsteht der Verdachtsmoment bereits in der Geburtsklinik, sollten noch während des Aufenthaltes Zeugen vermerkt, Abschriften der Behandlungsunterlagen sowie Gedächtnisprotokolle gefertigt werden. Auch Fotos sind hilfreich, um die Verdachtsmomente festzuhalten bzw. zu dokumentieren.

Es sollte frühzeitig, idealerweise durch fachmännische Hilfe, eine medizinische und juristische Prüfung erfolgen, weil die Informationspolitik gegenüber nicht anwaltlich vertretenen Patienten nach wie vor schlecht ist. Vor allem der Weg über ein gynäkologisch-geburtshilfliches Privatgutachten hat sich bewährt, zumal die Tendenz zur neutralen Begutachtung zugenommen hat. Man findet heutzutage in der Gutachterszene viel häufiger renommierte Ärzte, die bereit sind, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Fazit

Gerade im Bereich schwerer Personen- und Geburtsschäden ist die Aufklärungsquote überdurchschnittlich hoch und die Behandlungsfehlerquote liegt über dem Schnitt der bekannten Statistiken.

Obwohl dieser Trend all jenen Mut machen sollte, die sich zu einer rechtlichen Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen entschließen, bleibt es dabei, dass ein Rechtsstreit weder die Wiedergutmachung des schweren Gesundheitsschadens beim Kind, noch das Leid im eigentlichen Sinne, noch die immaterielle Beeinträchtigung ausgleichen kann, die die Geschädigten erfahren haben. Im Idealfall verschafft die juristische Auseinandersetzung aber eine emotionale Genugtuung der betroffenen Eltern und reduziert jedenfalls in Teilbereichen die finanziellen Belastungen, die mit der schwerwiegenden Behinderung eines Menschen einhergehen können.

Jan Tübben, Fachanwalt für Medizinrecht und Irem Scholz, Fachanwältin für Medizinrecht


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Opfer von Geburtsschäden – von der Politik vergessen

Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr erlangt der bedauernswert Fall eines geburtsgeschädigten Kindes die gleiche Medienaufmerksamkeit wie ein aktueller Fall in einem SPIEGEL ONLINE-Bericht. Ausschlaggebend für die vermeidbar verzögerte Geburt des Kindes, das offenbar im Mutterleib eine Sauerstoffmangelsituation erlitt, die bei früherer Geburt vermeidbar gewesen wäre, war in diesem Fall der Umstand, dass der niedergelassene Gynäkologe klassische Warnzeichen ignoriert hat. Weiterlesen

Hinderliche Ermittlungsverfahren und Verzögerungstaktiken in Geburtsschadensverfahren

Aktuell erlangt erneut der Fall eines unter der Geburt geschädigten Kindes und das Verfahren gegen die bayerische Entbindungsklinik Medienbekanntheit. Der nun in Spiegel Online dargestellte Fall des kleinen Johnny aus Bayreuth wirft neben dem Missstand geburtshilflicher klinischer Praxis im dortigen Krankenhaus auch aus haftungsrechtlicher Sicht zwei sehr relevante Fragen auf:

  1. Macht es überhaupt Sinn, im Falle eines unter der Geburt geschädigten Kindes eine Strafanzeige zu stellen?
  2. Ist auch bei nachgewiesener Verantwortlichkeit eine reibungslose Regulierung durch die Haftpflichtversicherer zu erwarten?

Beide Fragen sind aus unserer anwaltlichen Sicht zu verneinen.

Macht eine Strafanzeige in Geburtsschadensfällen Sinn?

Die Strafanzeige im Arzthaftungsrecht wird im Allgemeinen als kontraproduktiv betrachtet. Sie ist jedenfalls dann ein Fehler, wenn man zugleich versucht, auf zivilrechtlichem Wege auch noch Schmerzensgeld und Schadensersatz für das Kind zu erstreiten. Eine Strafanzeige führt in den seltensten Fällen zum Erfolg in Form einer Verurteilung des Arztes oder der Ärztin oder auch der Hebamme, weil bis zuletzt eine sog. Unschuldsvermutung zu deren Gunsten wirkt. Diese greift selbst dann ein, wenn neben dem Behandlungsfehler auch eine andere Ursache den kindlichen Schaden herbeigeführt haben kann bzw. wenn nicht sicher ist, dass ausschließlich der Behandlungsfehler die Ursache der Verletzung ist. Gerade bei komplexen physischen Abläufen unter der Geburt und auch bei etwaigen Vor- oder Begleiterkrankungen von Mutter oder Kind, führt dies am Ende in aller Regel zu einer Einstellung des Verfahrens: „in dubio pro reo“.
Im Zivilrecht, in dem es um Schmerzensgeld und Schadensersatz geht, ist das nicht der Fall, weil keine subjektive Schuld sondern Verstöße gegen den objektiven medizinischen Standard geahndet werden sollen.
Der bedauerliche Nebeneffekt eines Strafverfahrens gegen die Behandler ist zudem, dass damit die Geltendmachung von Schmerzensgeld und Schadensersatz verhindert wird. Die Haftpflichtversicherung eines Klinikums/Arztes wird sich im Regelfall auf den Standpunkt stellen, dass der Ausgang eines Ermittlungsverfahrens abzuwarten bleibt, bevor über Entschädigungsleistungen entschieden wird. Ein solches Verfahren kann dabei ohne Weiteres mehrere Jahre dauern.

Wir raten daher im Regel von strafrechtlichen Schritten ab. Sie mögen im Einzelfall gut begründet sein, sind jedoch immer sorgfältig gegen die Interessen der Geschädigten an einer zügigen und reibungslosen Entschädigung abzuwägen.

Schadensregulierung durch den Versicherer in Geburtsschadensfällen

Im Fall, über den der Spiegel aktuell berichtet, wurden gravierende Standardunterschreitungen nachgewiesen und trotzdem geraten die Eltern bzw. Großeltern des behinderten Kindes aufgrund der kostspieligen Pflege in finanzielle Nöte. Wie kann das sein?
Leider ist es nahezu der Regelfall, das Haftpflichtversicherer sich äußerst schwer tun, schnell und adäquat Entschädigungsmittel bereitzustellen, wenn es um die Regulierung von Personengroßschäden geht. Siehe hierzu auch den Blogbeitrag von Rechtsanwalt Martin Quirmbach vom 15.11.2017. In Medizinschadenfällen haben die Versicherer die Möglichkeit, durch eigenfinanzierte Gutachten, die nicht selten als Gefälligkeitstaten der beauftragten Gutachter zu entlarven sind, konstruktive Verhandlungen zu blockieren und medizinische Gegenargumente zu generieren. Natürlich wird gerade bei Schwerstgeschädigten auf diese Art und Weise auf Zeit gespielt und Druck ausgeübt, mit dem Effekt im Idealfall überhaupt keine Regulierung oder eine Regulierung auf nur geringerer Basis zu leisten.

Gerade in Geburtsschadensverfahren lässt sich anhand der Größenordnung erster Vorschusszahlungen häufig ablesen, wie ernst es die gegnerische Haftpflichtversicherung mit der Regulierung meint. Im Raume steht häufig ein Schaden in Millionenhöhe. Vor diesem Hintergrund sind Vorschussleistungen im fünfstelligen Bereich buchstäblich der Tropfen auf dem heißen Stein. Das lässt schon erkennen, dass der Gegner eine Scheibchenpolitik praktiziert die schlussendlich nur zur Zermürbung des Geschädigten führt.

Wir raten zwar grundsätzlich zu einem geduldigen und bedachten Vorgehen in außergerichtlichen Arzthaftungsverfahren; dies beinhaltet aber schon im Grundsatz die Vermeidung von langwierigen und frustrierenden Strafverfahren. Dazu gehört auch, eine Hinhaltetaktik und Scheibchenpolitik rechtzeitig als solche zu erkennen und ihr konstruktiv entgegenzuwirken. In aller Regel zeigt sich nach der ersten ausführlicheren Stellungnahme der gegnerischen Haftpflichtversicherung, ob eine Basis für konstruktive Verhandlung gegeben ist, oder der ggf. sogar viel effizienterer Weg über die Klage bei den Zivilgerichten eingeschlagen werden muss.

Rechtsanwalt Jan Tübben, Fachanwalt für Medizinrecht, spezialisiert auf Geburtsschadensfälle

Organisatorische Standards in der Geburtshilfe und ihre Entwicklung

Die Süddeutsche Zeitung hat in dieser Woche zwei höchst lesenswerte Beiträge zur möglichen Entwicklung der organisatorischen Standards in der Geburtshilfe veröffentlicht. Weiterlesen