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Geburtsschäden: Kind gesund – und die Mutter? Behandlungsfehler bei (werdenden) Müttern

Von einem Geburtsschaden spricht man in der Regel dann, wenn ein Kind durch einen Fehler des Frauenarztes während der Schwangerschaftsvorsorge, durch Fehler von Hebammen oder Ärzten bei der Geburt und der Neugeborenenversorgung gesundheitlich geschädigt zur Welt kommt.
Das greift jedoch zu kurz, denn ein Geburtsschaden liegt auch dann vor, wenn die (werdende) Mutter (mit-)geschädigt wird oder, wenn das Kind zwar gesund zur Welt kommt, die Mutter jedoch wegen Behandlungsfehlern im Rahmen der Schwangerschaftsbetreuung bzw. der Geburt zum Teil schwere Gesundheitsschäden erleidet. Eine mögliche Ursache kann eine fehlerhafte Diagnostik und Therapie von Schwangerschaftserkrankungen sein.
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Geburtsschäden könnten häufiger vermieden werden

Das Deutsche Ärzteblatt hat in der vergangenen Woche neue Zahlen veröffentlicht, die Einblick in die Entwicklung des Aufkommens von Geburtshilfeschäden geben. Dieses Mal sind die Hebammen in den Fokus gerückt: „Die Schadensfälle bei klinischen und außerklinischen Geburten durch freiberufliche Hebammen schwankten zwischen 2004 und 2014 zwischen sechs und 31 Fällen pro Jahr. Im Mittel wurden rund 20 Geburtsschäden pro Jahr an die Berufshaftpflicht freiberuflicher Hebammen gemeldet.“ Weiterlesen

Geburtsschaden – 400.000 € Schmerzensgeld bei Hirnschädigung

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm befasste sich in seinem Urteil vom 19.03.2018 (Az. 3 U 63/15) mit der Frage, welche Pflichten ein niedergelassener Frauenarzt bei der Auswertung eines CTG bei einer Schwangeren hat, wenn es außerhalb der Mutterschafts-Richtlinien geschrieben wird. Im vorliegenden Fall gab das zusätzlich abgeleitete CTG deutliche Hinweise auf einen krankhaften Zustand des ungeborenen Kindes. Der Arzt nahm das CTG jedoch nicht sofort zur Kenntnis, sondern erst mit deutlicher Verspätung.

CTG muss sofort ausgewertet werden

Das OLG sprach dem Kläger ein Schmerzensgeld in Höhe von 400.000 € zu und begründete sein, von einem erfahrenen Sachverständigen gestütztes Urteil damit, dass ein zusätzlich geschriebenes CTG den behandelnden Frauenarzt nicht davon entbindet, es unverzüglich auszuwerten und daraus die richtigen Behandlungsschritte abzuleiten. Zeigt sich ein krankhafter Befund, muss darauf so reagiert werden, wie es die Mutterschafts-Richtlinien vorsehen.

Als fehlerhaft erachtete das OLG Hamm außerdem, dass der Arzt keine organisatorischen Vorkehrungen traf, die sicherstellten, dass ihm die CTG-Streifen umgehend  zur Überprüfung vorgelegt wurden.

Der Arzt verstieß darüber hinaus gegen weitere Regeln. Nach der Auswertung des CTG, das ein sehr hohes Risiko für das ungeborene Kind bestätigte, hätte er die Mutter notfallmäßig in das nächstgelegene Krankenhaus einweisen müssen. Stattdessen ließ er sie zuerst noch nach Hause und erst danach in das weiter entfernt gelegene Perinatalzentrum fahren. Zudem informierte er die Mutter völlig unzureichend über die Dringlichkeit der Situation.

Das OLG kam zu dem Ergebnis, dass das Verhalten des niedergelassenen Frauenarztes unter Berücksichtigung des gesamten Behandlungsgeschehens als grober Verstoß gegen den Facharztstandard und somit als grober Behandlungsfehler zu bewerten war. Dies führte zu einer Beweislastumkehr zu Gunsten des klagenden Kindes.

Behandlungsfehler mitursächlich für schweren Hirnschaden

Die Behandlungsfehler des beklagten Arztes waren nach der Überzeugung des OLG für den nach der Geburt festgestellten schweren Hirnschaden des Kindes zumindest mitursächlich. Aufgrund der im Laufe des Verfahrens getroffenen Feststellungen wurde der Arzt zur Zahlung von Schmerzensgeld und weiterem Schadenersatz verurteilt.

Arzt haftet nicht nur für den Hirnschaden

Der Arzt bzw. dessen Haftpflichtversicherer hat nicht nur für die erste, durch den Behandlungsfehler eingetretene Gesundheitsschädigung in Form eines Hirnschadens Schadenersatz und Schmerzensgeld zu zahlen, sondern darüber hinaus auch für die sich aus diesem ersten Gesundheitsschaden entwickelnden weiteren Gesundheitsschäden und deren finanzielle Folgen.

Grundlagen für die Bemessung von Schmerzensgeldern

Bei der Bemessung von Schmerzensgeldern bei Geburtsschäden wird unterschieden zwischen schwersten Gesundheitsschäden, die eine weitestgehende Zerstörung der Persönlichkeit des Kindes zur Folge haben und Gesundheitsschäden, bei denen das Kind, wenn auch nur eingeschränkt, zumindest am Leben teilnehmen kann. Bei den ersteren sprechen die meisten Gerichte Schmerzensgelder in Höhe von 500.000 € und mehr zu. In den letztgenannten Fällen werden in der Regel Schmerzensgelder im unteren sechsstelligen Bereich ausgeurteilt.

Infolge einer Gesamtwürdigung der beim Kläger eingetretenen Gesundheitsschäden kam der Senat zu der Überzeugung, dass dem Kläger nicht die von ihm geforderten 500.000,00 €, sondern 400.000,00 € als Schmerzensgeld zuzusprechen waren.

Im Rahmen der Begründung stützte sich der Senat darauf, dass schwerste Beeinträchtigungen in Form einer völligen Zerstörung der Persönlichkeit bei dem jungen Kläger nicht vorliegen. Er besucht eine Förderschule, wenn auch mit Hilfestellung. Er kann selbst essen und muss nicht über eine Magensonde ernährt werden. Zudem ist er  in der Lage, mit Hilfe von Orthesen zu laufen und mit Hilfe von Hörgeräten zu hören, er kann sehen und somit zumindest eingeschränkt am Leben teilnehmen.

Vergleicht man das Urteil des OLG Hamm mit anderen Urteilen ähnlicher Fallgestaltung, so hat der Senat dem jungen Kläger erfreulicherweise mehr Schmerzensgeld zugesprochen, als dies in vergleichbaren Fällen, selbst beim gleichen OLG, bisher festzustellen war.

Medien berichten oft nur über Schmerzensgelder

In den Meldungen über  Geburtsschäden berichten Medien meist nur über die Höhe des Schmerzensgelds. Die weiteren Schadenspositionen, die für sich genommen in den meisten Geburtsschadensfällen weit über das Schmerzensgeld hinausgehen, bleiben unberücksichtigt.

Dabei ist die Verhandlung eines Geburtsschadensfalls weitaus vielschichtiger als dies auf den ersten Blick erscheint. Das Ausurteilen eines Schmerzensgeldes im Rahmen eines Geburtsschadensprozesses bildet meist erst den Beginn der Feststellung der weiteren, dem Kind zustehenden Schadensersatzansprüche.

Es bedarf daher einer intensiven Befassung mit den durch den Geburtsschaden erlittenen Gesundheitsschäden des Kindes, mit seiner weiteren Entwicklung und vor allem auch der Prognose, die die Ärzte im Verlauf der Behandlung abgeben. Auf der Basis dieser und weiterer Informationen ist zu prüfen, welche Schadenspositionen jeweils in Betracht kommen und vor allem, in welcher Höhe sie bestehen und wie lange sie vom Haftpflichtversicherer des Arztes oder der Hebamme zu zahlen sind.

Mutterschafts-Richtlinien verbindlich für Arzt

Da sich auch dieser Fall beim OLG Hamm mit den Mutterschafts-Richtlinien befasste, möchte ich kurz erläutern, was es mit den Richtlinien auf sich hat und welche Rolle sie im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge spielen:
Die Mutterschafts-Richtlinien, die vom gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen herausgegeben werden, begleiten den behandelnden Gynäkologen und die Schwangere während der gesamten Schwangerschaft und regeln auch die ärztliche Betreuung nach der Entbindung. Die Mutterschafts-Richtlinien haben für den Arzt bindenden Charakter, was im Rahmen eines Geburtsschadensprozesses mitunter zu wenig beachtet wird.

Wie der Bundesgerichtshof unter anderem in seinem Beschluss vom 08.01.2008 (VI ZR 161/07) bestätigte, haben Mutterschafts-Richtlinien Rechtsnormqualität. Das unterscheidet sie von den übrigen ärztlichen Leitlinien.

Irem Scholz, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Medizinrecht


Ihre Experten für Geburtsschadensrecht

Wenn auch Ihr Kind einen Geburtsschaden erlitten hat, sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Sie dabei, die Ihrem Kind zustehenden Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüche durchzusetzen.

Unsere  Spezialisten für Geburtsschadensrecht, die Fachanwälte für Medizinrecht Irem Scholz und Jan Tübben stehen Ihnen für eine kompetente Rechtsberatung gerne zur Verfügung.

Der Pflege-und Betreuungsmehraufwand bei Vergleichen in Geburtsschadensfällen

Im Rahmen von Vergleichen bei Geburtsschadensfällen spielt der Schadenersatz des Pflege- und Betreuungsmehraufwandes eine wesentliche Rolle.
Kinder, die durch einen Geburtsschaden geschädigt wurden, erleiden meist einen sauerstoffbedingten Hirnschaden, der in aller Regel einen erheblichen Pflege- und Betreuungsmehraufwand mit sich bringt. Gerade bei diesen Kindern ist zu berücksichtigen, dass der Mehraufwand mit zunehmendem Alter steigt oder sich mit der Verschlechterung des Gesundheitszustandes erhöht. Weiterlesen

Geburtsschäden – schicksalhaft oder vermeidbar?

Die Quote der bei den Medizinischen Diensten der Krankenkassen und den Ärztekammern nachgewiesener Fehlbehandlungen liegt im Schnitt schon seit vielen Jahren recht konstant zwischen 20 und 35%. Nach Daten eines der größten deutschen Versicherungsunternehmen im Krankenhausbereich hat sich die Zahl der jährlich gemeldeten Fälle in der Zeit zwischen 1982 bis 2006 vervielfacht. Ein Eindruck der von Haftpflichtversicherern bundesweit bestätigt wird.

Rückläufiger Trend bei Geburtsschäden

Ein vermeintlich gegenläufiger Trend zeigt sich im Bereich der Geburtsschäden. Gründe für diese Entwicklung waren die noch bis vor kurzem zurückgehenden Geburtenzahlen und ein medizinischer Trend zur frühzeitigen Kaiserschnittentbindung (ca. 25 bis 35% Kaiserschnittquote in deutschen Kliniken).

Auch wenn der Trend der Anspruchsstellung im Bereich der Geburtsschäden tendenziell rückläufig ist, werden dort im Vergleich zu anderen Fachgebieten überproportional höhere Regulierungssummen gezahlt. Dies betrifft im Übrigen auch andere Fachgebiete, wenn es um schwere Hirnschädigungen jüngerer Menschen und insbesondere auch von Kindern geht.

Ärzte kommen ihrer Informationspflicht nicht immer nach

Folgende kindlichen Schädigungsmuster sind mit der Geburtshilfe und Behandlungsfehlern assoziiert:

  • kindliche Cerebralparese
  • vermeidbar fehlerhafte Frühgeburten (periventrikuläre Leukomalazien)
  • Hirnschädigungen Frühgeborener aufgrund vermeidbar verzögerter Kaiserschnittentbindung (z.B. bei IUGR)
  • vermeidbar infektionsgeschädigte Kinder
  • infolge fehlerhafter ärztlicher Beratung/Diagnostik ausgetragene Kinder: Bei korrekter pränataler Beratung und unter Einhaltung medizinjuristischer Kautelen wäre es zu rechtmäßigen Schwangerschaftsabbrüchen gekommen
  • Armplexusparesen oder Hirnschädigungen infolge der Verkennung und fehlerhaften Behandlung einer speziellen geburtshilflichen Komplikation (Schulterdystokie).

Eltern von unter der Geburt geschädigten Kindern wird häufig signalisiert, dass eine nach der Geburt aufgetretene Behinderung schicksalhaft oder die Folge unvermeidbarer Komplikationen war. Manche Eltern begnügen sich aus unterschiedlichsten, auch anerkennenswerten Gründen mit solchen Informationen und lassen die Sache auf sich beruhen. Nach dem 2013 in Kraft getretenen Patientenrechtegesetz ist die Behandlungsseite allerdings verpflichtet, entweder auf Nachfrage oder, wenn dies zur Abwendung gesundheitlicher Schäden erforderlich ist, die Eltern über das Vorliegen von Anhaltspunkten für Behandlungsfehler zu informieren.  Jedoch kommen Ärzte dieser Verpflichtung nicht immer nach.

Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler ist frühzeitiges Handeln wichtig

Wir raten betroffenen Eltern zu prüfen, ob es nicht im Rahmen der Geburt zu einer Fehlbehandlung kam. Dabei ist der zu prüfende Zeitraum weit zu fassen, nämlich vom Beginn der Schwangerschaftsbetreuung über die konkrete geburtshilfliche Begleitung durch Hebammen und Ärzte kurz vor und unter der Geburt bis zur Versorgung des Kindes nach der Geburt.

In Zweifelsfragen sollte eine zweite ärztliche Meinung eingeholt werden. Parallel dazu sollte damit begonnen werden, Beweise zu sichern. Entsteht der Verdachtsmoment bereits in der Geburtsklinik, sollten noch während des Aufenthaltes Zeugen vermerkt, Abschriften der Behandlungsunterlagen sowie Gedächtnisprotokolle gefertigt werden. Auch Fotos sind hilfreich, um die Verdachtsmomente festzuhalten bzw. zu dokumentieren.

Es sollte frühzeitig, idealerweise durch fachmännische Hilfe, eine medizinische und juristische Prüfung erfolgen, weil die Informationspolitik gegenüber nicht anwaltlich vertretenen Patienten nach wie vor schlecht ist. Vor allem der Weg über ein gynäkologisch-geburtshilfliches Privatgutachten hat sich bewährt, zumal die Tendenz zur neutralen Begutachtung zugenommen hat. Man findet heutzutage in der Gutachterszene viel häufiger renommierte Ärzte, die bereit sind, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Fazit

Gerade im Bereich schwerer Personen- und Geburtsschäden ist die Aufklärungsquote überdurchschnittlich hoch und die Behandlungsfehlerquote liegt über dem Schnitt der bekannten Statistiken.

Obwohl dieser Trend all jenen Mut machen sollte, die sich zu einer rechtlichen Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen entschließen, bleibt es dabei, dass ein Rechtsstreit weder die Wiedergutmachung des schweren Gesundheitsschadens beim Kind, noch das Leid im eigentlichen Sinne, noch die immaterielle Beeinträchtigung ausgleichen kann, die die Geschädigten erfahren haben. Im Idealfall verschafft die juristische Auseinandersetzung aber eine emotionale Genugtuung der betroffenen Eltern und reduziert jedenfalls in Teilbereichen die finanziellen Belastungen, die mit der schwerwiegenden Behinderung eines Menschen einhergehen können.

Jan Tübben, Fachanwalt für Medizinrecht und Irem Scholz, Fachanwältin für Medizinrecht


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Opfer von Geburtsschäden – von der Politik vergessen

Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr erlangt der bedauernswert Fall eines geburtsgeschädigten Kindes die gleiche Medienaufmerksamkeit wie ein aktueller Fall in einem SPIEGEL ONLINE-Bericht. Ausschlaggebend für die vermeidbar verzögerte Geburt des Kindes, das offenbar im Mutterleib eine Sauerstoffmangelsituation erlitt, die bei früherer Geburt vermeidbar gewesen wäre, war in diesem Fall der Umstand, dass der niedergelassene Gynäkologe klassische Warnzeichen ignoriert hat. Weiterlesen