Sandra Deller, Rechtsanwältin

Haftung des Tierhalters nur für die typische Tiergefahr

Ein Tierhalter haftet nur dann für den Schaden, den ein Tier verursacht, wenn sich die typische Tiergefahr verwirklicht hat. Das ist nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Braunschweig vom 20.11.1981 zum Beispiel nicht der Fall, wenn ein Pferd stürzt, weil es selbst verletzt ist.

Sandra Deller, Rechtsanwältin

Rechtsanwältin Sandra Deller,

In dem vom OLG Braunschweig zu entscheidenden Fall hatte ein 12-jähriges Mädchen mit dem Pferd einer anderen Besitzerin an einem Reitturnier teilgenommen. Zur Vorbereitung auf die Mannschaftsspringprüfung übte das Mädchen auf dem Abreiteplatz verschiedene Sprünge. Die ersten fünf verliefen reibungslos, nach dem sechsten Sprung jedoch stürzte das Pferd. Die Reiterin fiel herunter, das Pferd machte einen „Kopfstand“ und fiel auf das Mädchen, das eine Querschnittslähmung erlitt. Der Tierarzt stellte fest, dass eine Verletzung der Vorderfußgelenke Ursache für den Sturz des Pferdes war.

Die Eltern des Mädchens nahmen daraufhin die Pferdehalterin auf Schadenersatz und Schmerzensgeld in Anspruch. Das OLG Braunschweig entschied jedoch, dass die Halterin nicht gemäß § 833 BGB für die Unfallfolgen zu haften hat.

Zur Begründung führte es aus, Voraussetzung für den Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld sei, dass die Gesundheit eines Menschen durch ein Tier verletzt werde. Das sei allerdings nur der Fall, wenn der Schaden durch ein der tierischen Natur entsprechendes, selbständiges und willkürliches Verhalten des Tieres verursacht werde, sich also die typische Tiergefahr verwirklicht habe.

Tierhalterhaftung Pferde

Bildquelle: fotolia

Im vorliegenden Fall ist die Verletzung aber nicht durch ein willkürliches Verhalten wie Scheuen, Durchgehen oder Verweigern eingetreten, sondern dadurch, dass das Pferd durch eine eigene Verletzung gestürzt ist. Es habe lediglich als „tote Masse“ auf den Körper des Mädchens eingewirkt.

Die typische Tiergefahr bedeutet also nicht nur, dass sich eine Gefahr verwirklicht haben muss, mit der man bei einem Tier typischerweise rechnen kann und muss. Die typische Tiergefahr muss darüber hinaus auch einem willkürlichen, unberechenbaren Verhalten des Tieres zuzuschreiben sein. Im vorliegenden Fall war das Verhalten nicht willkürlich, denn man konnte davon ausgehen, dass das Pferd ohne die Gelenksverletzung sauber aufgekommen und das Mädchen nicht gestürzt wäre.

Unter dem Aspekt der typischen Tiergefahr hat das OLG Braunschweig somit absolut im Einklang mit Rechtsprechung und Literatur geurteilt.

Sandra Deller, Rechtsanwältin

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