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GeburtsschÀden

12.09.2019

Geburtshilfe: Viele Hebammen betreuen drei GebÀrende gleichzeitig

Rechtsanwalt Alexander Rüdiger
Alexander RĂŒdiger
Inhaltsverzeichnis
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Gebärende Frau hält die Hand ihres Partners, im Hintergrund ist eine medizinische Fachkraft in OP-Kleidung zu sehen

Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags bestĂ€tigt einen erheblichen Personalmangel bei Hebammen und zudem eine hohe Arbeitsbelastung. Wie aus dem Gutachten hervorgeht, muss fast jede zweite Hebammen in Deutschland drei GebĂ€rende gleichzeitig betreuen. Dabei empfehlen die medizinischen Fachgesellschaften fĂŒr die stationĂ€re Geburtshilfe eine Eins-zu-eins-Betreuung.

Hebammen unter Druck: Drei Geburten gleichzeitig

Dazu passen die Zahlen, die das Deutsche Ärzteblatt Ende 2018 veröffentlichte und in denen ebenfalls die Hebammen im Mittelpunkt stehen. Sie geben einen Einblick in die Entwicklung der HĂ€ufigkeit von GeburtsschĂ€den: „Die SchadensfĂ€lle bei klinischen und außerklinischen Geburten durch freiberufliche Hebammen schwankten zwischen 2004 und 2014 zwischen sechs und 31 FĂ€llen pro Jahr. Im Durchschnitt wurden etwa 20 GeburtsschĂ€den pro Jahr an die Berufshaftpflichtversicherung der freiberuflichen Hebammen gemeldet“.
Mit ausreichend Personal ließe sich die Zahl der GeburtsschĂ€den deutlich reduzieren.

Zentralisierung: Weniger KreißsĂ€le, mehr Spezialisierung

Betrachtet man die Entwicklung der Geburtshilfe in Deutschland in den letzten 25 Jahren, so wird gerade vor dem Hintergrund des RĂŒckgangs der KreißsĂ€le (1.200 KreißsĂ€le 1991 / 690 KreißsĂ€le 2018) deutlich, dass die sogenannte Zentralisierung der Geburtshilfe, also der Trend zur Entbindung in grĂ¶ĂŸeren, höher qualifizierten Kliniken, in vollem Gange ist.

Außerklinische Geburtshilfe bleibt riskant

Trotz dieses Trends zur Zentralisierung wird immer noch ein FĂŒnftel aller Geburten in Deutschland von freiberuflichen Hebammen betreut, die nicht in den Klinikbetrieb eingebunden sind. Dabei handelt es sich um Hebammen, die als Beleghebammen, in GeburtshĂ€usern oder bei Hausgeburten arbeiten (Quelle: Frankfurter Rundschau online, 11.8.2018).

Fehlende QualitÀtssicherung: Kein Geburtsschadenregister

Der Bericht der Ärztekammer weist darauf hin, dass es nach wie vor kein verlĂ€ssliches Register zur Erfassung von GeburtsschĂ€den (Geburtsschadenregister) gibt. Ein solches Register sei aber dringend notwendig, um mehr Transparenz ĂŒber QualitĂ€tsdefizite in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe zu erhalten.

GeburtsschÀden auch in Kliniken: Ursachen im System

Der Artikel lenkt davon ab, dass es auch in großen Spezialkliniken eine hohe Zahl von GeburtsschĂ€den gibt. Im Bereich der außerklinischen hebammengeleiteten Geburtshilfe ĂŒberwiegen Fehler, die vor allem auf mangelnde diagnostische Möglichkeiten und SelbstĂŒberschĂ€tzung zurĂŒckzufĂŒhren sind: kein CTG verfĂŒgbar, kein Ultraschall, keine Möglichkeit zum Notkaiserschnitt, keine Möglichkeit zur adĂ€quaten neonatologischen Versorgung. Am gravierendsten ist jedoch die Unkenntnis der Facharzt- und Überweisungsindikationen.

In großen Kliniken/Zentren stellt sich das Problem unzureichender Organisationsstrukturen: hĂ€ufiger Einsatz von BerufsanfĂ€ngern, Schnittstellen- und KommunikationsmĂ€ngel zwischen Ă€rztlichem und nichtĂ€rztlichem Personal, Verkomplizierung der AblĂ€ufe durch hierarchische Weisungsunterschiede..

Zeit fĂŒr Strukturreform und bessere Ausbildung

Mit einer besseren Kommunikation zwischen den Berufsgruppen und ausreichendem Personal könnten GeburtsschĂ€den reduziert werden. „Das sind genau die strukturellen Verbesserungen, die die Geburtshilfe fĂŒr alle Frauen insgesamt verbessern wĂŒrden. Doch Gesundheitsminister Spahn fehlt offensichtlich der Wille, diese Strukturprobleme endlich zu beheben.“ Die GrĂŒnen-Abgeordnete Kappert-Gonther fordert ein nationales Aktionsprogramm zur Vermeidung von GeburtsschĂ€den. Darin mĂŒssten zum Beispiel Leitlinien fĂŒr die Geburtshilfe, Kommunikationsregeln und PersonalschlĂŒssel festgelegt werden. Ein solches Programm sollte auch die EinfĂŒhrung eines Registers fĂŒr GeburtsschĂ€den beinhalten.

„Das BMG muss endlich schlĂŒssige Konzepte zur Reform der Hebammenausbildung vorlegen“, so die GrĂŒnen-Politikerin.

Es sei klar, dass diese Forderungen in der außerklinischen Geburtshilfe niemals umgesetzt werden könnten. In einem Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt wird eine Geburt von vornherein ohne die organisatorische oder apparative Möglichkeit eines Notkaiserschnitts von ein bis zwei freiberuflichen Hebammen ohne verfĂŒgbares CTG-GerĂ€t begleitet.

Das Lösungskonzept der freiberuflichen Hebammen muss zwingend hinterfragt werden, wenn der in der Theorie noch so ausgefeilte PersonalschlĂŒssel und das noch so ausgefeilte Organisationskonzept an den tatsĂ€chlichen Gegebenheiten scheitern. Das Problem der SchadensfĂ€lle im Bereich der außerklinischen Geburtshilfe, also in GeburtshĂ€usern und bei Hausgeburten, wird dadurch nicht entschĂ€rft. Lediglich das Konzept einer verbesserten Hebammenausbildung und in der Folge einer selteneren Verkennung einer fachĂ€rztlichen Indikation vor oder wĂ€hrend der Geburt könnte zu einer deutlichen Verbesserung beitragen. Dies scheint derzeit der erfolgversprechendste Ansatz zu sein, da so eine eventuell frĂŒhere Überweisung der GebĂ€renden in eine Klinik eher gewĂ€hrleistet ist und Risikogeburten von vornherein nicht den Weg in die GeburtshĂ€user finden.

Mehr zur rechtlichen EinschÀtzung von GeburtsschÀden finden Sie hier: Behandlungsfehler bei der Geburt

AnwaltsbĂŒro Quirmbach & Partner

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