Behandlungsfehler 2020

In meinem Beitrag Arzthaftung: „Eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus“ habe ich mich mit der Behandlungsfehlerstatistik der Schlichtungsstellen der Ärztekammern und des medizinischen Dienstes der Krankenkasse aus dem Jahr 2017 befasst. 2017 haben die Schlichtungsstellen in insgesamt 24,7 % der Fälle und die Gutachter der medizinischen Dienste in 19,9 % der untersuchten Fälle einen Behandlungsfehler festgestellt, der auch zu einem kausalen Gesundheitsschaden geführt hat.

Mit Spannung habe ich daher auf die Statistik für das Jahr 2019 gewartet. Die Zahlen wurden jetzt veröffentlicht: Statistische Erhebung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für das Statistikjahr 2019.

Wie hoch ist die Behandlungsfehlerquote?

Im Jahr 2019 wurden den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen ca. 11.000 Behandlungsfehler gemeldet. Über 6.412 Fälle konnte entschieden werden und in
1.927 Fällen hat sich der Verdacht bestätigt. Behandlungsfehler QuoteIn 1.568 Fällen war der Behandlungsfehler auch Ursache für einen Gesundheitsschaden, mit der Konsequenz, dass betroffene Patienten einen Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld geltend machen konnten. Die Fehlerquote liegt damit bei rund 22% und ist im Vergleich zu 2017 leicht zurückgegangen.

Orthopädie führend bei Behandlungsfehlern

Auffallend ist, dass die meisten Verfahren auf dem Gebiet der Orthopädie stattfinden. Das kann jedoch wenig überraschen, weil auf diesem Gebiet auch die meisten Operationen stattfinden. Überraschend dagegen ist die auffallend hohe Zahl an Fehlern im Bereich Diagnostik. In unserer täglichen Arbeit spiegelt sich diese Tendenz in der Form nicht wider. Eine mögliche Erklärung wäre, dass dem Bereich Diagnostik auch die Fehler zugerechnet werden, die dadurch zustande kommen, dass nicht alle notwendigen Befunde erhoben wurden. Leider gibt die Statistik an dieser Stelle keine eindeutige Auskunft. Erwähnenswert ist auch, dass der Hirninfarkt bzw. Schlaganfall zu den häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Jahr 2019 zählt.

Die Statistik des medizinischen Dienstes der Krankenkassen für 2019 liegt aktuell noch nicht vor. Es ist aber davon auszugehen, dass sich deren Ergebnisse in der gleichen Größenordnung bewegen werden.

Behandlungsfehlerstatistik – nur die Spitze des Eisbergs

Es muss allerdings auch kritisch festgestellt werden, dass die in der Statistik aufgeführten Daten die tatsächliche Zahl der Behandlungsfehler nicht vollständig abbilden. In Deutschland gibt es, anders als in vielen anderen Ländern, leider noch immer kein zentrales Behandlungsfehlerregister. Daher können die in der Statistik aufgeführten Zahlen auch nur als die Spitze des Eisbergs gesehen werden. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

Die vorgelegten Zahlen zeigen immerhin, dass die Aussichten, einen Behandlungsfehler nachzuweisen, gut sind. Auch wenn der Weg oftmals lang und steinig ist, lohnt es sich, bei einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler, dem unbedingt nachzugehen und sich dabei von einem auf Arzthaftungsrecht spezialisierten Anwalt unterstützen zu lassen.

Sven Wilhelmy, Rechtsanwalt und Partner