Behandlungsfehler - Anwaltsbüro Quirmbach & Partner

Eine Querschnittlähmung schränkt das Leben erheblich ein, bedroht die wirtschaftliche Existenz und wird oft zur familiären Zerreißprobe. Wie Patienten das Risiko irreversibler Schäden minimieren und sich zugleich für juristische Konflikte wappnen.

Wir beraten seit vielen Jahren Querschnittsgelähmte, die Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüche durchsetzen wollen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Lähmungen durch eine gewissenhaftere Behandlung zu verhindern gewesen wären.

Denn häufig erkennen Ärzte Entzündungen im Rückenbereich, Abszesse sowie Stürze zu spät bzw. unterschätzen die Folgen. Dadurch schreitet die Schädigung des Rückenmarks so lange voran, bis es schließlich zu spät ist.

Das Problem: Die Bedrohung für das Rückenmark ist für Behandler nicht leicht zu erkennen. Sie werten starke Rückenschmerzen deshalb häufig als Folge von Verspannungen oder Blockaden und verschreiben Schmerzmittel und Krankengymnastik. Oder sie halten andere Erkrankungen wie eine Lungenentzündung für die Hauptursache der Beschwerden.

„Diagnose Prellung“: Welchen Anzeichen Ärzte nachgehen müssen

Auch Stürze und ihre Folgen werden vielfach falsch bewertet. In unserer täglichen Praxis fällt uns immer wieder auf, dass Ärzte Verletzungen unterschätzen (Diagnose Prellung) oder komplett übersehen – bisweilen, weil sie von anderen Verletzungen wie Rippenbrüchen überlagert werden.

Diagnose QuerschnittlähmungDas führt sehr oft dazu, dass weitere Untersuchungen wie ein CT, eine Verlegung in eine Spezialklinik oder operative Eingriffe unterbleiben bzw. zu spät erfolgen.

Sachverständige werten solche Versäumnisse allerdings nicht automatisch als Behandlungsfehler. Denn zum einen ist die Diagnose oft nicht einfach und zum anderen entwickeln sich die meisten Symptome erst mit der Zeit. Ein Behandlungsfehler liegt nur vor, wenn Ärzte klaren Anzeichen nicht nachgehen:

  • Es tritt keine Verbesserung der Beschwerden ein.
  • Patienten berichten von besonders starken Schmerzen im Rückenbereich, die nicht zur bisherigen Diagnose passen.
  • Warnzeichen wie Lähmungserscheinungen, Kribbeln und Verstopfungen.

„Nicht abwimmeln lassen“: Wie Patienten das Risiko Querschnittlähmung minimieren

Auffallend ist, dass diese Fälle gehäuft in sogenannten Randzeiten auftreten, wenn die Kliniken nicht mit voller Personalstärke arbeiten – also am Wochenende, an Feiertagen oder in den späten Abendstunden.

Wenn Ärzte den genannten Anzeichen verspätet oder gar nicht nachgehen, sind die Aussichten gut, einen Behandlungsfehler nachzuweisen und Schmerzensgeld und Schadensersatz durchzusetzen.

Aber besser ist natürlich, wenn es gar nicht erst so weit kommt. Und Sie selbst können als Patient entscheidend dazu beitragen, das Risiko einer Querschnittlähmung zu minimieren:

  • Schildern Sie Ihre Beschwerden möglichst genau (wo haben Sie Schmerzen, treten Lähmungserscheinungen oder Verstopfungen auf, spüren Sie ein Kribbeln in den Extremitäten, hatten Sie bereits vergleichbare Schmerzen?)
  • Bestehen Sie darauf, dass Ihre Beschwerden näher untersucht werden, und lassen Sie sich nicht abwimmeln.
  • Suchen Sie wenn möglich einen Spezialisten auf oder holen sich eine zweite Meinung ein.

Dokumentation & Expertise: Wie Sie Ihre rechtlichen Aussichten verbessern

Zudem sollten Sie sich, sofern möglich, von einer Vertrauensperson zu den Untersuchungen begleiten lassen. Und sie sollten darauf bestehen, dass Ihre Beschwerden in der Behandlungsdokumentation festgehalten werden und sich frühzeitig Kopien der relevanten Arztbriefe aushändigen lassen,

Das kann entscheidend dazu beitragen, dass der Arzt Ihre Beschwerden ernst nimmt. Zugleich verbessert es Ihre Chance, einen Behandlungsfehler zu beweisen, falls es dennoch zu einer Querschnittlähmung kommen sollte.

In diesem Fall ist es wichtig, dass Sie den Behandlungsverlauf per Gedächtnisprotokoll möglichst genau festhalten. Zudem sollten Sie sich an Ihre Krankenkasse oder eine auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Kanzlei wenden und den Fall überprüfen lassen.

Auch ein Fachanwalt für Sozialrecht kann wichtig werden. Denn Behörden und Krankenkassen verweigern oder kürzen bisweilen beantragte Hilfsmittel, Pflegegrade oder Erwerbsunfähigkeitsrenten. In solchen Fällen ist ein erfahrener und kompetenter Partner an Ihrer Seite von unschätzbarem Wert.

Sven Wilhelmy, Fachanwalt für Medizinrecht und Partner

Die aktuellen Leitlinien zur „Akuttherapie des Schlaganfalls“ erleichtern die Argumentation bei einem ärztlichem Behandlungsfehler.

Leitlinien aus dem Jahre 2012

Die Leitlinien aus dem Jahre 2012 geben bei einem Verdacht auf Schlaganfall noch den folgenden Rahmen vor:

  • „Innerhalb von 10 Minuten nach Eintreffen in der Klinik sollte der Patient durch einen Arzt gesehen werden.
  • Die CT Untersuchung sollte innerhalb von 25 Minuten nach Eintreffen beginnen.
  • Die Behandlung sollte innerhalb von 60 Minuten nach Eintreffen beginnen („Door-to-Needle“-Zeit).
  • Der Patient sollte innerhalb von 3 Stunden nach Eintreffen einer Monitorüberwachung zugeführt werden.

Es wird allerdings darauf verwiesen, dass die Zeitvorgaben ständiger Anpassung unterworfen sind und viele Zentren sehr viel ambitioniertere Ziele erreichen. (…)“

Leitlinien aus dem Jahre 2021

In den Leitlinien aus dem Jahre 2021 sind die Anforderungen deutlich angestiegen:

  • Stroke Unit Schlaganfallpatient„Bei allen Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall, die Kandidaten für eine Reperfusionstherapie sind, soll eine sofortige Bildgebung des Gehirns mit CT oder MRT erfolgen. (…) CT oder MRT (sind) unerlässlich. (…) ( Seite 15)
  • Bei allen Schlaganfallpatienten soll in den ersten 72 Stunden nach der Aufnahme der Blutzuckerspiegel überwacht werden (…) (Seite 7)
  • Die Messung der Körpertemperatur als Teil der Vitalparameter-Überwachung wird im Abstand von 4 Stunden für die ersten 48 Stunden empfohlen (…) (Seite 8)
  • Die Messung des Blutdruckes wird im Abstand von höchstens 4 Stunden für die ersten 48 Stunden empfohlen. (…) (Seite 8)
  • Bei Patienten mit Schluckbeschwerden und/oder pathologischem Screening-Befund sollte ein weiterführendes Assessment der Schluckfunktion erfolgen. (…) (Seite 10)
  • Alle akuten Schlaganfallpatienten sollen auf einer Stroke Unit behandelt werden. In Deutschland verfügen (Stand Oktober 2020, Quelle: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe) 311 Kliniken über eine zertifizierte, neurologisch geführte Stroke Unit. (…) (Seite 13)
  • Akute Schlaganfallpatienten (TIA und Hirninfarkt) sollten zumindest in den ersten 2-3 Tagen apparativ überwacht werden. (…) (Seite 15)“

Gerade in der Neurologie hat sich der medizinische Fortschritt in den letzten Jahren mit großer Geschwindigkeit vollzogen. Im gleichen Maße, in dem dieser Fortschritt Einzug gehalten hat, kann er von dem Patienten aber auch als medizinischer Standard eingefordert werden und kann das Unterschreiten des medizinischen Standards zur Haftung führen.

Malte Oehlschläger, Fachanwalt für Medizinrecht
spezialisiert auf die Vertretung von Schlaganfallpatienten

In meinem Beitrag „Eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus“ habe ich mich mit der Behandlungsfehlerstatistik der Schlichtungsstellen der Ärztekammern und des medizinischen Dienstes der Krankenkasse aus dem Jahr 2017 befasst. 2017 haben die Schlichtungsstellen in insgesamt 24,4 % der Fälle und die Gutachter der medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) in 19,9 % der untersuchten Fälle einen Behandlungsfehler festgestellt, der auch zu einem kausalen Gesundheitsschaden geführt hat.
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Den Fall, den das Landgericht Gießen (Urteil vom 06.11.2019, Az. 5 O 376/18) zu entscheiden hatte, kann man dahingehend zusammenfassen, dass ein scheinbar harmloser Nasenbeinbruch, den sich ein 17-jähriger Teenager im Jahr 2013 beim Fußballspielen zugezogen hatte, zu einem dauerhaften und schwerwiegenden Gesundheitsschaden führte.
Die Ärzte des Universitätsklinikums Gießen empfahlen, den Nasenbeinbruch im Rahmen einer gerade einmal 15-minütigen Routineoperation zu behandeln. Bei der Operation kam es jedoch zu einem schwerwiegenden Behandlungsfehler: Dem Gericht zufolge waren die Schläuche beim Beatmungsgerät falsch eingesteckt worden. Hierdurch kam es während der Operation zu einer Sauerstoffunterversorgung und in deren Folge zum Hirnschaden. Weiterlesen

Vor kurzem erschien ein Artikel in der WELT, der die Schwierigkeiten beim Nachweis eines Ärztefehlers anschaulich beschrieb. Der Beitrag endete mit dem Hinweis auf die Forderung einer Überarbeitung des Patientenrechtegesetzes. Dem Inhalt des Beitrags können wir – leider – voll und ganz zustimmen. Tatsächlich stellt es für geschädigte Patienten eine riesengroße Hürde dar, die Voraussetzungen, die der Gesetzgeber an die Durchsetzung von Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüchen nach einem Arztfehler knüpft, tatsächlich zu erfüllen. Weiterlesen

Gute Nachrichten aus Karlsruhe: Am 28. Juni 2019 hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe entschieden, dass Kliniken bzw. Ärzte auch für die Folgen eines psychologischen Schocks verantwortlich sein können, der durch einen Behandlungsfehler bei nahen Angehörigen ausgelöst wird.

Bisher hatten Angehörige nur in den Fällen des sogenannten Schockschadens einen eigenen Schmerzensgeldanspruch. Voraussetzung dafür war, dass der Patient an den Folgen des Behandlungsfehlers gestorben ist . Zudem musste die Trauer des Angehörigen so stark sein, dass sich daraus eine eigenständige Krankheit entwickelt hat. Weiterlesen

Der Kampf für Menschen, die durch einen Unfall oder Behandlungsfehler schwer verletzt wurden, ist hart, lohnt sich aber fast immer. Rechtsanwalt und Partner Thomas Gfrörer beschreibt die wichtigsten Herausforderungen – und erklärt, warum er nach dem Besuch eines Seminars besser versteht, was die Sachbearbeiter der gegnerischen Versicherung antreibt.

Schwerverletzte sind keine Gegenstände, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Die größte Herausforderung bei der Personenschadensregulierung liegt also schon in der Natur der Sache: Kein Mensch ist wie der andere. Jeder empfindet Schmerzen und Beeinträchtigungen anders, jeder hat eine individuelle Lebenssituation. Bei einem VW Golf weiß man genau, wie viel ein Kotflügel mit Lackierung und Montage kostet. Bei einem schwerstverletzten Menschen müssen wir den Heilungsverlauf abwarten. Weiterlesen

Zu Anfang des Jahres berichteten die Medien von einem 4-jährigen bulgarischen Kind, das in einem Kölner Krankenhaus behandelt wurde und einige Tage später starb.
Die Eltern werfen den Ärzten des Klinikums vor, ein Behandlungsfehler habe den Tod des Kindes verursacht. Berichtet wird, dass die Eltern sich mit ihrem Kind in der Notaufnahme des Krankenhauses vorstellten. Der Arzt vermutete eine harmlose Virusinfektion und schickte die Familie mit dem Rat nach Hause, dem Kind Ibuprofen zu geben, abzuwarten und dann zum Kinderarzt zu gehen. Den Angaben der Eltern zufolge hatte das Kind zu diesem Zeitpunkt bereits 40° Fieber. Weiterlesen

Von einem Geburtsschaden spricht man in der Regel dann, wenn ein Kind durch einen Fehler des Frauenarztes während der Schwangerschaftsvorsorge, durch Fehler von Hebammen oder Ärzten bei der Geburt und der Neugeborenenversorgung gesundheitlich geschädigt zur Welt kommt.
Das greift jedoch zu kurz, denn ein Geburtsschaden liegt auch dann vor, wenn die (werdende) Mutter (mit-)geschädigt wird oder, wenn das Kind zwar gesund zur Welt kommt, die Mutter jedoch wegen Behandlungsfehlern im Rahmen der Schwangerschaftsbetreuung bzw. der Geburt zum Teil schwere Gesundheitsschäden erleidet. Eine mögliche Ursache kann eine fehlerhafte Diagnostik und Therapie von Schwangerschaftserkrankungen sein.
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