Helmut Gräfenstein, Rechtsanwalt

Erleichterte Beweisanforderungen bei Verdienstausfall junger Menschen

Ein Rückblick auf den 51. Verkehrsgerichtstag in Goslar

51. Verkehrsgerichtstag in GoslarWird ein junger Mensch durch einen Unfall oder Arztfehler arbeitsunfähig, so kann ein lebenslanger Verdienstausfall Teil der Schadensersatzansprüche sein. Bisher war es oft schwierig, den geschätzten zukünftigen Verdienst eines Geschädigten nachzuweisen. Beim 51. Verkehrsgerichtstag in Goslar haben Richter, Rechtsanwälte und Versicherer aus unserer Sicht Fortschritte zu Gunsten der Geschädigten gemacht.

Empfehlung zur Berechnung von Verdienstausfallschäden bei jungen Erwachsenen

Die Rechtsanwälte Sandra Deller und Helmut Gräfenstein nahmen am Arbeitskreis I „Erwerbsschadensermittlung bei Verletzung vor oder kurz nach dem Berufseinstieg“ teil.
Arbeitskreis ErwerbsschadensermittlungDie anwesenden Richter, Rechtsanwälte und Versicherer waren sich – ein erfreulicher Konsens – einig darüber, in Zukunft die Beweisanforderungen bei der Ermittlung der Schadenshöhe weniger hoch anzusetzen. Besonders begrüßenswert ist die erarbeitete Empfehlung zur Berechnung von Verdienstausfallschäden bei jungen Erwachsenen. Darin wird nämlich ausdrücklich festgehalten, dass junge Menschen „in aller Regel“ Einkünfte durch Einsatz ihrer Arbeitskraft erzielen werden. Dies gilt auch dann, wenn nicht bewiesen werden kann, dass sich der behauptete Berufswunsch realisiert hätte.
Das wird von Versicherern nicht immer so gesehen. Denn verläuft ein Lebenslauf nicht gradlinig, wird Jugendlichen gerne unterstellt, keine Ausbildung bzw. keinen Beruf anzustreben.

Der Fall Yusuf D.

Wir vertreten einen jungen Mann, der bei einem unverschuldeten Unfall beide Beine verloren hat. Seit nunmehr 8 Jahren kämpfen wir gemeinsam mit ihm um ein angemessenes Schmerzensgeld und Schadensersatz, damit er ein einigermaßen sorgloses Leben führen kann.
Die gegnerische Versicherung hat bisher nur einen Bruchteil des Schadens reguliert und versagt weitere Zahlungen. Sie steht auf dem Standpunkt, unser Mandant wäre sowieso nie einer geregelten Arbeit nach gegangen und hätte damit keinen Anspruch auf einen angemessenen Ausgleich seines Erwerbsschadens. „Es bestand bereits in Anbetracht seines Alters eine individuelle, gefestigte Nichterwerbsbiografie…“, so die Aussage der Gegenseite. In der Tatsache, dass er im Rollstuhl sitzt, sieht die Versicherung kein Hindernis, sich im Alltag normal zu bewegen, Schiedsgutachten werden nicht anerkannt, es wird gemauert und verzögert. Der Fall hat einen Journalisten der Stuttgarter Zeitung zu einem Artikel bewegt: Auf fremden Füssen

Wir hoffen sehr, dass sich die Empfehlungen des Arbeitskreises auch in der Praxis der Versicherer kurzfristig niederschlagen werden, und sich damit auch für unseren jungen Mandanten endlich eine Lösung abzeichnet. Wir werden jedenfalls die gemeinsam erarbeiteten Empfehlungen in unseren Verhandlungen auf den Tisch legen und dazu auffordern, den schönen Worten auch Taten folgen zu lassen.

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