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Behandlungsfehler

05.08.2019

Sepsis nach Routineeingriff: Wie sie entsteht und warum sie häufig übersehen wird

Rechtsanwalt Sven Wilhelmy
Sven Wilhelmy
Inhaltsverzeichnis
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Hand hält ein Stethoskop und einen Mundschutz, im Hintergrund liegt eine Person in einem Krankenhausbett auf der Intensivstation

Wenn Routine zur Lebensgefahr wird

Unter dem Titel "Die tödliche Krankheit, die selbst Ärzte zu spät erkennen" veröffentlichte Der Spiegel den bewegenden Fall eines damals 44-jährigen Mannes, der nach einem unkomplizierten Routineeingriff in einen septischen Schock geriet. Was zunächst wie eine normale Genesung wirkte, nahm eine tragische Wendung. Der Patient verlor beide Unterschenkel, seine Fingerkuppen und das Augenlicht. Heute ist er dauerhaft pflegebedürftig und kann keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen.

Der Artikel beleuchtet nicht nur das medizinische Versagen, sondern auch die vielen Hürden, mit denen Betroffene konfrontiert werden. Die zähe Kommunikation mit Krankenkassen, der Kampf um Hilfsmittel und die Suche nach juristischer Unterstützung. Was hier geschildert wird, ist leider kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem, das wir aus unserer täglichen Arbeit im Arzthaftungsrecht nur zu gut kennen.

Eine unterschätzte Komplikation nach „harmlosen“ Eingriffen

Operationen gelten dann als Routine, wenn sie häufig durchgeführt werden, ein geringes Risiko bergen und keine längeren Klinikaufenthalte erfordern. Doch auch bei diesen Eingriffen kann es zu Infektionen kommen, die mitunter schwerwiegende Folgen haben. Zeigen sich wenige Tage nach der Entlassung Symptome wie hohes Fieber, Verwirrtheit oder Atemnot, denken viele Betroffene – und leider auch das medizinische Personal – zunächst nicht an eine Sepsis.

Dabei zählt die Sepsis zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Laut Robert Koch-Institut sterben jährlich rund 75.000 Menschen an den Folgen dieser Komplikation – mehr als an Brust-, Prostata- und Darmkrebs zusammen. Viele dieser Todesfälle könnten durch eine frühzeitige Erkennung verhindert werden. Daher ist die mangelnde Aufmerksamkeit für Sepsis umso tragischer.

Was ist eine Sepsis und wie entsteht sie nach einer Operation?

Eine Sepsis ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion. Dabei bekämpft der Körper nicht nur die Erreger, sondern greift auch seine eigenen Organe und Gewebe an. Innerhalb kurzer Zeit kann es zu einem Multiorganversagen mit potenziell tödlichem Ausgang kommen.

Nach operativen Eingriffen kann Sepsis entstehen, wenn:

  • Keime über Wunden oder Katheter in den Körper eindringen oder

  • postoperative Infektionen (z. B. an der OP-Wunde, in der Lunge oder der Harnblase) entstehen.

  • der geschwächte Organismus nicht mehr angemessen auf Erreger reagieren kann.

Entscheidend ist, dass die Infektion frühzeitig erkannt und behandelt wird – idealerweise noch bevor es zur Sepsis kommt.

Warum wird eine Sepsis so oft übersehen?

Die große Schwierigkeit besteht darin, dass sich die Symptome einer Sepsis oft schleichend und unspezifisch entwickeln. Gerade nach einem Eingriff können Erschöpfung, Schmerzen oder leichtes Fieber zunächst harmlos erscheinen.

Genau das führt jedoch häufig dazu, dass die Warnzeichen nicht ernst genommen werden. Besonders problematisch wird es in folgenden Situationen:

  • an Wochenenden oder Feiertagen, wenn weniger Personal im Dienst ist,

  • in Nachtdiensten, in denen erfahrungsärmere Ärztinnen und Ärzte Entscheidungen treffen müssen,

  • bei hierarchischen Klinikstrukturen, in denen notwendige Maßnahmen verzögert oder blockiert werden,

  • bei Kommunikationsdefiziten, durch die Symptome falsch eingeschätzt oder nicht weitergegeben werden.

In vielen Fällen berichten Patientinnen und Patienten, dass ihre Beschwerden bagatellisiert wurden. Aussagen wie „Das ist normal nach der OP“ oder „Dafür wecke ich jetzt keinen Arzt“ sind leider keine Ausnahme.

Frühwarnzeichen: Worauf Sie achten sollten

Eine Sepsis entwickelt sich zwar oft schleichend, schreitet dann aber schnell voran. Deshalb ist es wichtig, die entsprechenden Symptome zu kennen – insbesondere, wenn sie nach einer Operation auftreten.

Typische Warnzeichen sind:

  • Fieber über 38°C oder seine tarke Unterkühlung unter 36°C,

  • schneller Puls, beschleunigte Atmung,

  • Verwirrtheit, Sprachstörungen, Benommenheit,

  • kalte oder fleckige Haut an Händen und Füßen,

  • starker allgemeiner Schwächezustand.

Treten mehrere dieser Symptome auf – insbesondere nach einem Klinikaufenthalt –, sollte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Zögern kann hier über Leben und Tod entscheiden.

Die Rolle von Entlassmanagement und Nachsorge

Ein häufiges Problem ist, dass Symptome einer Sepsis erst nach der Entlassung auftreten. In der Vorstellung vieler Patientinnen und Patienten ist mit dem Verlassen der Klinik die „Gefahr überstanden“. Doch gerade in den ersten Tagen nach dem Eingriff ist Wachsamkeit besonders wichtig.

 

Das Entlassmanagement spielt hierbei eine zentrale Rolle. Werden Patientinnen und Patienten ausreichend über mögliche Warnzeichen informiert? Gibt es eine klare ärztliche Nachsorgeempfehlung? Sind Hausärzte über den Eingriff informiert? In der Praxis fehlen häufig klare Informationen und eine gute Koordination – mit zum Teil fatalen Folgen.

Juristische Bewertung: Wann ist ein Behandlungsfehler anzunehmen?

Wenn eine Sepsis zu spät erkannt oder nicht adäquat behandelt wurde, kann dies einen Behandlungsfehler darstellen – insbesondere, wenn:

  • Symptome eindeutig erkennbar waren, aber ignoriert wurden,

  • notwendige Untersuchungen oder Laborwerte unterlassen wurden,

  • ein erfahrener Arzt nicht hinzugezogen wurde, obwohl es erforderlich gewesen wäre,

  • die Klinikorganisation (z. B. zu wenig Personal, schlechte Übergaben) zur Verzögerung beigetragen hat.

In solchen Fällen stehen Betroffenen unter Umständen Ansprüche auf Schmerzensgeld, Pflegekosten, auf Ersatz des Haushaltsführungsschadens, Verdienstausfall oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente zu. Die rechtliche Prüfung hängt dabei immer vom konkreten Einzelfall ab – insbesondere davon, ob eine Kausalität zwischen dem ärztlichen Fehlverhalten und dem Gesundheitsschaden besteht.

Was Betroffene tun können

Wenn Sie den Verdacht haben, dass bei Ihrer Behandlung Fehler passiert sind – sei es bei der Diagnose, der Therapie oder im organisatorischen Ablauf –, sollten Sie frühzeitig rechtliche Beratung in Anspruch nehmen.

Folgende Schritte können dabei helfen:

1.     Patientenakte anfordern: Sie haben ein Recht auf Einsicht.

2.     Symptome und Abläufe dokumentieren – je detaillierter, desto besser.

3.     Holen Sie eine Zweitmeinung ein, insbesondere, wenn Zweifel an der bisherigen Darstellung bestehen.

4.     Juristische Prüfung durch eine auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Kanzlei.

Auch bei der Anerkennung von Pflegegraden, Hilfsmitteln oder Rentenansprüchen kann anwaltlicher Beistand helfen, oft auch im Zusammenspiel mit dem Sozialrecht.

Fazit: Wachsamkeit, Aufklärung und Verantwortung

Sepsis ist keine „seltene Komplikation“, sondern ein reales Risiko – gerade nach Routineeingriffen. Der im Spiegel berichtete Fall zeigt auf tragische Weise, was passieren kann, wenn Symptome übersehen, Warnzeichen ignoriert und organisatorische Schwächen nicht ausgeglichen werden.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet das, informiert zu sein, aufmerksam zu bleiben und sich nicht abwimmeln zu lassen. Für medizinische Einrichtungen bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen, Abläufe zu verbessern und die Schulung in der Früherkennung von Sepsis zu intensivieren.

Und für uns als eine auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Kanzlei bedeutet es, Betroffenen eine Stimme zu geben und für ihre Rechte einzustehen.

Anwaltsbüro Quirmbach & Partner

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