Helmut Gräfenstein, Rechtsanwalt

Sind Gutachter immer neutral und unabhängig?

„Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will es den gesetzlichen Krankenkassen erschweren, krankgeschriebene Menschen an den Arbeitsplatz zurückzuschicken. ‚Natürlich müssen die Kassen nachprüfen, ob hinter einer Krankmeldung auch wirklich eine Krankheit steckt‘, sagte er der ‚Welt‘. ‚Falls Krankschreibungen pauschal, massenhaft und nur nach Durchsicht der Akten zurückgewiesen werden, dann ist das nicht in Ordnung.'“

Diese Meldung, die in der vergangenen Woche durch die Medien ging, hat uns aufhorchen lassen, geht dabei doch um eine Tendenz, die nicht nur die Gutachten der Krankenkassen betrifft.

Gutachten nur aufgrund der Aktenlage?

Rechtsanwalt Helmut Gräfenstein

Rechtsanwalt Helmut Gräfenstein

Auch wir beobachten zunehmend und mit Sorge, dass Gutachten, die aufgrund eingehender Untersuchungen erstellt wurden, anschließend von beratenden Ärzten der Berufsgenossenschaften und insbesondere auch der Haftpflicht- und Unfallversicherer, lediglich aufgrund der Aktenlage geprüft und auf dieser Grundlage häufig abgelehnt werden. Die Patienten selbst werden gar nicht mehr untersucht.

Die beratenden Ärzte maßen sich an, den Gesundheitszustand eines Schwerverletzten auf der Grundlage des vorhandenen Papieres besser beurteilen zu können als die behandelnden Ärzte, die den Geschädigten oft wochenlang behandelt haben oder als Gutachter, die sich durch persönliche Untersuchung ein differenziertes Bild gemacht haben. Interessanterweise fallen diese Stellungnahmen fast immer zu Lasten der Geschädigten aus. Die Folge ist, dass der Versicherer nicht oder nicht ausreichend zahlt und den Geschädigten in zum Teil jahrelang andauernde Prozesse zwingt, die ihn häufig in extreme finanzielle Not bringen.

Wir brauchen unabhängige Gutachter
Eine objektive Beurteilung allein anhand der Aktenlage ist eindeutig nicht zu leisten und es stellt sich die Frage, wie neutral die eingesetzten ärztlichen Berater denn sind. Dies vor allem auch vor dem Hintergrund, dass sie eine Vielzahl von Aufträgen von immer denselben Versicherern bekommen und dafür auch bezahlt werden. Objektive und neutrale Gutachten sind aber für eine sachgerechte Schadenregulierung unerläßlich.

Das hat richtiger- und notwendigerweise zu Überlegungen geführt, diese Praxis einzudämmen und künftig die Gutachter der Versicherer dazu zu verpflichten offenzulegen, in welcher Höhe Honorareinnahmen von dem jeweiligen Versicherer erzielt worden sind.

Es wird also zu Recht die Frage nach einer wirtschaftlichen Abhängigkeit und damit Neutralität gestellt.

Helmut Gräfenstein, Rechtsanwalt

7 Antworten
  1. Doris Doebler
    Doris Doebler says:

    Dem kann ich nur bepflichten.
    Mein Mann ist seit Jahren krankgeschrieben, er hatte eine schwere Schulter OP und kann den Arm nur noch zu 80% anheben. Er hatte mehrere Bandscheibenvorfälle mit Lähmung im Bein.
    Der Gutachter von der Agentur für Arbeit hat ihn als nicht mehr vermittelbar eingestuft mit einer Arbeitszeit unter 3 Stunden. Mein Mann war jahrelang auf dem Bau tätig. Der Gutachter vom Sozialgericht Potsdam hat ihn nun als arbeitsfähig für über 6 Stunden, aber nicht dauernd stehend, sitzend, in Kälte und Nässe, nicht schwer heben, bücken oder über Kopf arbeiten usw. eingestuft.
    Also all das was auf dem Bau verlangt wird.
    Mit diesem Gutachten ist Vater Staat schön aus dem Schneider und spart mal wieder an Rente.

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    • quirmbachundpartner
      quirmbachundpartner says:

      Sehr geehrte Frau Doebler,
      vielen Dank für Ihren Kommentar, der – leider – unsere Erfahrungen voll und ganz bestätigt.
      Das Beispiel Ihres Mannes zeigt sehr deutlich, dass hier der Gesetzgeber gefordert ist, Abhilfe zu schaffen. Interessant ist ja gerade, dass nur Gutachten angezweifelt werden, die die beklagten Beschwerden der Geschädigten bestätigen, niemals solche, die zugunsten der Versicherungen ausfallen.
      Ihrem Mann wünschen wir trotz allem alles Gute!

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  2. Wladimir Simonov
    Wladimir Simonov says:

    Liebe Fr. Doebler,

    auch wenn das schwer zu verstehen ist: Da gibt es keine Schuld des Gutachters. Aus Ihren Ausführungen folgere ich, dass Ihr Mann Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung wegen Erwerbsminderung gestellt hat. Bei der GRV gibt es für Personen die nach 1.1.1961 geboren sind keinen Berufsschutz mehr. Das heißt, dass Ihr Mann auch als Fachkraft vom Bau verpflichtet werden könnte, einen anderen Beruf auszuüben – egal welchen und auch egal, ob er es tatsächlich tut und/oder überhaupt Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Das „mögliche Können“ allein reicht also aus, um die Erwerbsminderungsrente abzulehnen. Dies ist u.a. einer der Hauptgründe für den Abschluss einer privaten Berufsunfähigkeitsabsicherung!

    Ich wünsche Ihrem Mann gute Besserung und alles Gute!

    Mit besten Empfehlungen,
    Wladimir Simonov

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    • quirmbachundpartner
      quirmbachundpartner says:

      Im Grunde hat Herr Simonov recht. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Arbeitsfähigkeit bei den aufgeführten Verletzungen viel zu optimistisch gesehen wird. Und Herr Doebler wird auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Stelle finden, die seinen Einschränkungen gerecht wird. Die Gutachter sagen, und das ist ein weiterer Mangel, niemals konkret, welche Beschäftigung, reaistisch gesehen, noch ausgeübt werden könnte. Theoretisch klingt das alles ganz gut, in der Praxis aber sind diese ärztlichen Feststellungen für den Geschädigten verheerend.

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  3. Kraske Eleonore
    Kraske Eleonore says:

    Im Grunde haben alle recht, aber als Betroffener hat man Einschränkungen, die eine Veränderung nicht nur im privaten sondern eben gerade im Arbeitsbereich nach sich ziehen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, das Gutachter nicht neutral sind sondern eben pro Versicherung und eben wie schon oben beschrieben, dieses Gutachten den höheren Stellenwert hat.
    Der Gutachter der mich „Begutachtet“ hat – empfing mich mit den Worten, „Sie werden mit meinem Gutachten nicht zufrieden sein“. Toll dachte ich mir, was soll dieser Einstieg in eine Begutachtung mir sagen, am liebsten wäre ich auf der Stelle wieder nach Hause gefahren. Ich kann noch arbeiten, wenn auch nicht mehr in dem Bereich in dem ich vor dem Unfall beschäftigt war. Aber der Umgang und die Konsequenzen daraus sind einfach manchesmal makaber und es zerrt nicht nur der erlittene Schaden/Schmerz an einem sondern eben auch die nicht vorhandene Empathie in vielen Fällen. Man kommt sich oft wie ein Bittsteller vor und hat es dann eine Regulierung gegeben, wird einem sugeriert nun „geht es ihnen doch besser“. Mag sein das es dem einen oder anderem besser geht, aber meine Schmerzerkrankung ist dadurch nicht geheilt und quält mich nach wie vor.

    Gute Besserung für alle die ähnliches erlebt haben
    E.Kraske

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  4. quirmbachundpartner
    quirmbachundpartner says:

    Aus dem Schreiben einer gegnerischen KFZ-Haftpflichtversicherung:
    „Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem Rentengutachten, weil der BG-Gutachter nur bereits vorhandene Arztberichte wertet, ohne zu Erkennntissen aufgrund eigener Untersuchung zu gelangen.
    Dies hat zur Folge, daß dann aber auch die Unfallbedingtheit nicht nachgewiesen ist.“

    Ohne Worte…

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  5. ehrsen58
    ehrsen58 says:

    Ein Gutachter, von dem ein unvollständiger D-Bericht erstellt hat ist ja schon zweifelhaft. Aber das Folgegutachten sich auf dieses Gutachten berufen, ist ja schon nicht mehr „unabhängig!“. Die Gerichte geben den Gutachtern mehr Aussagekraft, wie einem Zeugen. Eine praktische Beweisführung für den falschen D-Bericht muss nicht erbracht werden, da die Gutachter ja alle für jemanden zuarbeiten. Der Geschädigte bleibt eben liegen! Aber es liegt eben im System, das eben Recht nicht Recht bleibt, sondern die Gerichte da auch mitspielen. Wo ist der Rechtsstaat? Jedenfalls nicht bei uns.

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